Ich packe in meinen Rucksack
- Tamara Waeber

- 20. Feb. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Dez. 2022
Rucksack packen für die Arbeit: Laptop & Ladekabel rein, Mittagessen im Tupperware und Kaffee in der Thermoskanne einpacken und los gehts. Rucksack packen für eine 2-tägige Bergtour: Schlafmaterial, warme Kleider, gute Schuhe und Wasserflaschen. Rucksack packen für 10-Tage Inter-Rail Ferien: Ein etwas grösserer Rucksack mit genügend Kleider zum Wechseln, Necessaire, Städteführer. Mit dabei sind immer gute Freunde, aber die packt man ja nicht in den Rucksack. Zum Glück! Rucksack packen für eine Weltreise: ???

Der Entscheid eine Weltreise zu machen, viel uns erstaunlich leicht. Mit Rucksack und Zelt waren wir auf dem Jura Höhenweg in der Nähe des Creux du Van unterwegs. Draussen in der Natur wussten wir sofort, dass dies unsere Leidenschaft ist und wir das gerne tagtäglich machen würden. Der Beschluss war somit schnell gefasst. Alles was danach kam, war viel schwieriger. Wann genau geht’s los, wie und wann künde ich meinen Job, was passiert mit der Wohnung, wohin gehen wir überhaupt, wie bewegen wir uns fort und was nehmen wir alles mit? Und genau um diese letzte Frage, des was packen wir ein, respektive einen Teil davon, geht es heute. Die Beschaffung der passenden Ausrüstung.
Wo Marco bereits seit Wochen und Monaten online Artikel über den perfekten Schlafsack und die geeignete Luftmatratze liest, Bücher von Wanderexpertinnen durchstöbert und sich ein genaues Bild davon macht, welches Material in seinen Rucksack kommt und warum genau dieses, bin ich eher die, die sagt: "Wir gehen ja erst nächsten April los, ich kümmere mich später um die Recherche." Hier und da frage ich einmal bei Freundinnen nach, was sie bei ihren längeren Reisen eingepackt haben und warum. Die Packliste einer guten Freundin, die bereits ein halbes Jahr mit dem Rucksack unterwegs war, gab uns eine gute Idee bei der Wahl, was wirklich wichtig ist und was wohl eher nicht. Etwas angepasst auf unsere Bedürfnisse ziehen wir los zu einem Outdoor-Geschäft um uns vor Ort ein Bild zu machen. Ich, eher überfordert mit all den Isolationswerten und Wassersäulenzahlen, widme mich der Suche eines passenden Rucksacks. Marco, der die Einzelteile bereits online durchgeschaut hat, weiss genau, nach was er sucht und widmet sich entsprechend konkreten Tests. Wie gut liegt man den überhaupt auf dieser anscheinend perfekten Isomatte.

Da ist er! Der Perfekte Rucksack! Aber in violett. Muss das sein! Eine kurze Kriese, warum Frauenrücksäcke in so stereotypischen Farben produziert werden. Doch dann schnalle ich mir den Rucksack trotzdem um und bin sofort begeistert. "Es gibt ihn auch in schwarz." höre ich Marco aus dem hinteren Regal zurufen. - Er versucht, die Situation zu deeskalieren. Erfolgreich. Doch dann kommt, wiederum der Verkäufer und meint: "Schwarz ist halt nicht so praktisch wegen der Sonne – dass Innenleben des Rucksacks wird schneller heiss und Essen schneller schlecht." Etwas mehr schwitzen käme wohl auch auf uns zu. Tobias, der uns seit zwei Stunden lang über Vor- und Nachteile der Ausrüstung aufklärt ist generell sehr praktisch orientiert. Und was jetzt? Entscheide ich mich für etwas, das mir naja gefällt oder etwas, das nicht sooo praktisch ist…? Mein bisheriger Rucksack war doch auch schwarz und das war problemlos…
"Zählt das als unsere erste gemeinsame Wohnung?"
Ich gebe mir etwas Bedenkzeit und wir kümmern uns erst einmal um unser Zelt. Dazu haben wir schon einiges recherchiert und von Freunden Tipps bekommen. Die Entscheidung blieb somit zwischen dem MSR Freelite und dem Hubba Hubba - Achtung, nicht zu verwechseln mit dem Kaugummi Hubba Bubba. Zack bekommen wir beide Zelte in die Hand gedrückt und bauen das Hubba Hubba auch gleich im Laden auf. Mit den davor ausgewählten Mätteli, die geradeso nebeneinander Platz haben, liegen wir im Laden und starren durch das Mesh an die Decke. Zählt das jetzt eigentlich als unsere erste gemeinsame Wohnung? Naja, über das können wir später noch philosophieren. Denn wir haben Huuuuunger! - Uuui, wie sich das auf der Reise entwickeln wird, wenn wir beide hungrig werden. Darüber werden wir vielleicht auch noch berichten. Oder auch nicht. Jetzt zuerst alles bezahlen und dann etwas Essen, denn wir sind schon seit einer gefühlten Ewigkeit im Sportladen.

Das schöne Wetter zieht uns der Wiese entlang zurück in die Innerstadt. All unsere Errungenschaften sind in eine Tasche gepackt. Nur die Wanderstöcke passen nicht mehr rein, also trage ich diese an der Hand. Wir entscheiden uns in einem gemütlichen Café in der Sonne etwas zu knabbern. Wir kommen an, sitzen draussen, doch die Küche macht erst am Abend auf. Also packen wir unsere Sachen zusammen und ziehen weiter. Gemütlich, Apéro Plättli, Sonne und das Wetter geniessen. Zurück zu Hause legen wir alles Material, das wir gekauft haben auf den Tisch, um zu sehen, was wir noch benötigen und was bereits da ist. Ganz nebenbei sage ich: «Nur meine Wanderstöcke fehlen noch auf dem Bild», das Marco gerade von unserer Beute macht. Meine Stöcke! Geht es mir durch den Kopf, ich kann mich nicht daran erinnern, diese irgendwo in der Wohnung hingestellt zu haben. Wo sind meine Stöcke?!. Ich rufe in der Bar an, in der wir zuletzt waren, nichts. Wir gehen dort nochmals vorbei, nichts. Ich bin aber überzeugt, dass ich sie noch bis in diese Bar mitgenommen habe. Ich weiss doch, dass ich mit diesen an der Baustelle vorbei gelaufen bin. "Ja, aber die Baustelle war vor dem ersten Café, in dem wir nichts assen weil die Küche noch nicht offen hatte." Erinnert mich Marco. Ok, lass uns doch dort auch noch vorbei gehen. Ich öffne die Türe zum Café und sage: «Hallo, wir sind vorhin hier draussen gesessen und ich habe meine Wanderstö…» schon springt die junge Frau auf uns sagt, ah das sind deine! Läuft zur nächsten Sitzbank und zieht meine zwei niegelnagel neuen Wanderstöcke hervor und streckt sie mir strahlend entgegen. Ich bedanke mich und gehe aus dem Café. Nach einem kleinen – naja oder sogar grossen Freudetanz vor der Türe, kann ich fühlen, wie mein Herz springt. Ich bin sooooo froh, die Wanderstöcke wieder gefunden zu haben und warne Marco vor, dass dies auf der Reise wohl das einen oder andere Mal vorkommen kann. Witzelnd meint er nur. Ich werde also in Zukunft das Zelt tragen. PS: Ich habe genau diesen perfekten Rucksack - in schwarz.

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